Positionspapier der LAG Natur und Umwelt zum Hamburger Stadtwald

PDF

Die hier dargestellte Position ist der Arbeitsstand der Arbeitsgemeinschaft, den wir zur weiteren Diskussion veröffentlichen, aber kein Beschluss von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Landesverband Hamburg.

Paradigmenwechsel für Hamburgs Wälder – Naturschutz und Klimaschutz vor Holznutzung

In einer Metropole wie Hamburg ist die Gemeinwohl- und Erholungsfunktion des Waldes wichtiger als die forstwirtschaftliche Rohstoffnutzung. Der Hamburger Stadtwald muss deshalb von einem forstwirtschaftlichen Betriebsobjekt zu einem echten Klimaschutz- und Biodiversitätsreservat entwickelt werden.

Aus unserer Sicht ist der Zustand von Hamburgs Wäldern kritisch zu bewerten. Die Bundeswaldinventur 2022 hat ergeben, dass der deutsche Wald (einschließlich Hamburg) seit 2017 keine CO₂-Senke mehr ist, sondern zur Quelle wurde. D.h., es wird mehr Kohlenstoff freigesetzt, als durch Zuwachs neu gebunden werden kann. Auch der Holzzuwachs ist deutlich zurückgegangen, er sank im Vergleich zu 2012 um 16 %[1]. Der Wald in Deutschland hat einen durchschnittlichen Holzvorrat (Vorratsfestmeter) von 335 Vfm/ha[2], in Hamburg sind es nur 266 Vfm/ha[3].

Außerdem bescheinigt der Landesbericht 2018[4] allen berichtspflichtigen FFH-Lebensraumtypen des Waldes einen schlechten Erhaltungszustand – explizit begründet durch die bisherige Art der Bewirtschaftung und fehlendes Tot- und Altholz.

Eine fundierte ökologische Steuerung findet derzeit leider nicht wahrnehmbar statt, weil Hamburgs Stadtwaldflächen nach forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten „bewirtschaftet“ werden. Es fehlt an Biotopmonitoring und Transparenz. So gibt es für 9 von 11 Forstrevieren keine Daten zum biologischen Inventar und dessen Wert[5]. Ohne Monitoring ist hier eine gezielte Artenförderung nicht möglich. Zudem wurde, trotz langjähriger FSC-Zertifizierung seit 2004, die angestrebte Kennzeichnung und Kartierung von Biotopbäumen (10 pro ha)[6] noch nicht umgesetzt.

Eine Neuausrichtung der Hamburger Forststrategie hin zu mehr natürlichem Klimaschutz und mehr biologischer Vielfalt bietet deshalb erhebliche Potenziale für die Klimabilanz der Stadt und die Stärkung des Naturschutzes, insbesondere des Arten- und Biotopschutzes.

So würde ein Verzicht auf Holzentnahmen die Senkenfunktion des Hamburger Stadtwaldes maximieren und die Kohlenstoffspeicherung im Holz und in intakten Waldböden nachhaltig steigern. Der weitgehende Verzicht auf schwere Erntemaschinen verringert Bodenverdichtungen und erhält die essenzielle Wasseraufnahmefähigkeit des Waldbodens. Ein geschlossenes Kronendach stabilisiert darüber hinaus das Mikroklima, schützt vor Austrocknung und sichert die Kühlleistung des Waldes für das Hamburger Stadtgebiet.

Gleichzeitig wird durch den Ausstieg aus der konventionellen Bewirtschaftung die natürliche Waldentwicklung (Prozessschutz) gefördert. Dies führt zu einem höheren Anteil an Alt- und Totholz, was die Ansiedlung spezialisierter Arten wie z.B. Höhlenbrüter, Pilze und Insekten begünstigt – ein Diversitätsgrad, der mit Methoden der konventionellen Forstwirtschaft kaum zu realisieren ist.

Auch ökonomisch betrachtet ist eine Begrenzung des Holzeinschlags sinnvoll, da die Erlöse aus der Holzvermarktung im Mittel lediglich etwa 10 % der Gesamtkosten des Forstbereichs decken[7]. Angesichts dieser geringen wirtschaftlichen Relevanz ist der Vorrang ökologischer Funktionen – insbesondere der Resilienzstärkung durch Naturverjüngung sowie der Gesundheitsvorsorge (Frischluft) für die Bevölkerung – fachlich geboten. Natürliche Verjüngungsprozesse führen hierbei zu klimatoleranteren Beständen als bei künstlichen Aufforstungen mit Baumschulpflanzen.

Wir fordern daher, auf der Grundlage der Ergebnisse der FFH-Lebensraumtypen-Biotopkartierungen und des Erhaltungszustandes der Waldflächen, einen Stopp der regulären Holznutzung im Hamburger Stadtwald, damit sich unsere Waldflächen erholen können:

  • Einführung eines flächendeckenden Biotopmonitorings

Für alle Reviere muss ein regelmäßiges Monitoring von Arten und Biotopen etabliert werden, um den wertvollen Naturbestand und nicht nur baumspezifische Parameter zu erfassen. Auch Biotopbäume sollten gemäß FSC-Standard kartiert und gekennzeichnet werden.

  • Konsequenter Schutz von Altbäumen und mehr Tot- und Altholz im Wald zur Förderung der Biodiversität.
  • Erhöhung der Vorratsfestmeter

Eine deutliche Erhöhung der Vorratsfestmeterbei gleichzeitiger Reduzierung der Einschlägemaximiert die langfristige CO₂-Bindung in der Biomasse und stärkt die ökologische Stabilität, weil dadurch die Entwicklung hin zu strukturreichen Altholzbeständen gefördert wird. So konnten bspw. im Lübecker Stadtwald[8] die Vorratsfestmeter von 297 Vfm/ha im Jahr 1992 auf 435 Vfm/ha im Jahr 2019 erhöht werden.

  • Pflege- und Entwicklungspläne statt Forsteinrichtung

Obwohl es im Hamburger Waldgesetz keine Verpflichtung zur Erstellung einer Forsteinrichtung[9] gibt, wird diese alle 10 Jahre beauftragt. Forsteinrichtungen verfolgen primär wirtschaftliche Ziele.

Wir fordern stattdessen die Beauftragung von Pflege- und Entwicklungsplänen, die den ökologischen Zustand in den Mittelpunkt stellen.

  • Ausweitung der Naturwaldflächen auf 20 %

Wir unterstützen die Forderung des NABU Hamburg, mindestens 20 % der Waldfläche (heute 10 %) vollständig aus der forstwirtschaftlichen Nutzung zu nehmen, um eine natürliche Waldentwicklung (Prozessschutz) zu ermöglichen.

  • Einschlagsstopp und Nutzungsverzicht

Intakte Waldökosysteme mit ungestörten Böden sind hocheffiziente Kohlenstoffspeicher. Ein Nutzungsverzicht erhöht die Senkenfunktion und ist damit ein signifikanter Beitrag zum Klimaschutz. Der Verzicht auf Einschläge ist finanziell verkraftbar und ökologisch hochrentabel, deshalb sind langfristig Einschlagstopp und Nutzungsverzicht in Betracht zu ziehen und die ökologische Entwicklung der Bestände zu priorisieren.

Hamburg, 28.4.2026

1 https://www.bundeswaldinventur.de/

2 ebenda

3 www.hamburg.de/resource/blob/179630/0376e7b75beab7f668ce71fc6f50b2a7/forsteinrichtung-2019-data.pdf.

4 www.hamburg.de/resource/blob/171674/feefec5a40e5ef171423ececb95cd373/ffh-landesbericht-lrt-2018-data.pdf

5 www.hamburg.de/resource/blob/179630/0376e7b75beab7f668ce71fc6f50b2a7/forsteinrichtung-2019-data.pdf. Einleitung Forsteinrichtung Hamburg, Seite 42

6 www.fsc-deutschland.de/wp-content/uploads/Biotopbaeume_final_2021_web.pdf

7 Drucksache 22/16907, Hamburgs Wälder, https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/89186/22_16907_hamburgs_waelder

8 www.ufz.de/export/data/462/191176_TEEB_DE_FB_Stadtwald_Luebeck.pdf und https://www.ardmediathek.de/video/nordtour-den-norden-erleben/waldtouren-durch-den-luebecker-stadtwald/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS8xNGU0ODMwZS0zMDc5LTRjMjUtYjRlOC05ZDM1MzM1YzEyMzI

9 Drucksache 23/252, www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/90862/23_00252_datenchaos_bei_hamburgs_waeldern

Für grüne und nachhaltige Olym…