Bauen

Ein Stadtteil „Oberbillwerder“ – Wenn, dann nur Grün!

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Wir, die Grünen, bemühen uns um eine differenzierte Betrachtung des möglichen Baus Oberbillwerder. Die im Flächennutzungsplan festgeschriebene, über einhundert Hektar umfassende Fläche steht im Fokus politischer Diskussionen.

Da wir anerkennen, dass der Druck auf die Flächen in Hamburg allgemein durch den Mangel an Wohnraum sehr groß ist und der Bezirk Bergedorf bisher bereits Probleme hatte den Wohnraum zu schaffen, der durch das Bündnis für das Wohnen vorgegeben ist, sehen wir, dass Bergedorf seinen Verpflichtungen in Hamburg stärker nachkommen muss.

Hamburg ist eine attraktive Stadt, in der bezahlbarer Wohnraum rar ist, was schwerwiegende soziale Konsequenzen nach sich zieht. Daher hat es jüngst eine wichtige politische Einigung in der rot-grünen Koalition gegeben, künftig 10.000 Wohnungen pro Jahr (bisher 6.000) bauen zu wollen und dabei ökologische Ausgleichsmechanismen zu realisieren.

Wir wollen uns als Bündnis 90/Die Grünen verantwortlich gegenüber jenen zeigen, die jetzt und in den kommenden Jahren in unserer schönen Stadt leben wollen.

Dem im gesamten Stadtgebiet Hamburgs geltenden Vorrang der Innenverdichtung für den Wohnungsbau folgend, fordern wir eine qualitative Überprüfung der Nachverdichtungspotenziale durch ein Gutachten. Aller Voraussicht nach werden die zusätzlichen Flächenbedarfe in Bergedorf aber allein durch Nachverdichtung nicht zu erfüllen sein, so dass eine Bebauung bisher nicht zu Siedlungszwecken genutzter Flächen in Oberbillwerder wahrscheinlich ist. Gleichwohl haben wir Bedenken bei der Bebauung bisher nicht versiegelter Flächen, die für den Naturhaushalt, die Artenvielfalt und das Stadtklima, für die Erholung und die Freizeitaktivitäten der Bevölkerung und nicht zuletzt für das Bild Hamburgs als grüne Stadt wichtige Funktionen erfüllen.

Daher fordern wir:

1. dass ein sehr hoher Anspruch an den Klimaschutz verfolgt wird!

Da der Bezirk Bergedorf sich mit dem Integrierten Klimaschutzkonzept einen klaren politischen Auftrag gegeben hat, muss dieses auch bei dem Neubau Berücksichtigung finden. Ein Stadtteil Oberbillwerder muss aus ökologischen und energetischen Aspekten sinnvoll sein. Das mit dem im Klimakonzept formulierten Ziel, die anvisierte CO2-Neutralität des Bezirks erfordert eine Bebauung mit überwiegend Mehrfamilienhäusern im KfW-40-Standard. Orientiert werden sollte sich an der EU-Gebäuderichtlinie, die ab 2020 fordert, dass nur noch sogenannte Niedrigstenergiehäuser gebaut werden. Auch Passiv-Häuser sind denkbar, da diese zwar im Bau teurer sind, aber praktisch keine Heizkosten mehr zur Folge haben. Ein zentraler Aspekt ist die Wärmeversorgung, die im angrenzenden Neuallermöhe bisher durch Blockheizkraftwerke und über ein gutes Nahwärmenetz gewährleistet wird. Der Rückkauf der Netze sollte hier mitgedacht werden. Es muss geklärt werden, welche Art der Wärmeversorgung für Oberbillwerder möglich und sinnvoll ist, d.h. ob Solarthermie ergänzend eingesetzt oder ein Windrad zum Antrieb von Wärmepumpen zum Einsatz kommen können.

Wir möchten neben Photovoltaik auch Gründächer auf der Fläche sehen, da diese Regenwasser zurückhalten und so Überschwemmungen vorbeugen, Schadstoffe binden, das Mikroklima im Quartier verbessern und neue Rückzugsorte für Tiere und Pflanzen bieten.

Das Quartier soll mit RISA (Regenwasserinfrastrukturanpassung) geplant werden, das ist auch Teil der Hamburger Anpassungsstrategie an den Klimawandel: Es geht darum, dass das anfallende Niederschlagswasser vor Ort versickern oder verdunsten kann oder ohne Vermischung mit Schmutzwasser verzögert (!) den Oberflächengewässern und dem Grundwasser zugeführt wird.

2. die Sicherstellung des Erhalts eines Landschaftskorridors zwischen den Naturschutzgebieten Die Reit und der Boberger Niederung.

Wir benötigen eine Ausweisung des Korridors als Naturschutzgebiet, die Festlegung auf Erhalt von Dauergrünland sowie eine durchgehende Verbindung von extensiv bewirtschafteten Flächen. Wir fordern eine Aufwertung von linienhaften Strukturen mit Gräben, Tümpeln und Brachen sowie eine Erweiterung des Naturschutzgebietes Boberger Niederung bis an die Bille. Ein Feuchtgrünland in Unterbillwerder, das höchst schützenswert ist, soll entwickelt werden. In dieser Fläche dürfen keine Straßen gebaut werden!

3. eine gute Durchmischung des Wohnangebotes.

Wir wollen weder ausschließlich Sozialwohnungen noch Einfamilienhäuser. Die Bebauung sollte nicht mehr als fünfgeschossig sein, wenngleich vereinzelte Hochpunkte zur Akzentuierung denkbar sind. Aus den Fehlern der Vergangenheit muss gelernt und den Anforderungen unserer Stadtbevölkerung Rechnung getragen werden. Um die Nutzung des Stadtteils über das häusliche Wohnen hinaus attraktiv zu gestalten, sollte das Gebiet nicht als „reines Wohngebiet“, sondern im Wesentlichen als „allgemeines Wohngebiet“ mit Teilen als „Mischgebiet“ ausgewiesen werden. Wir fordern daher eine kleinteilige Vergabe der Flächen! Wir brauchen sozial ausgewogenes und generationengerechtes Wohnen für Familien, Ältere, Singles, Studenten und Auszubildende. Die Realisierung sollte der neuen Rechtslage entsprechend auch Chancen für selbstbestimmte Gemeinschaften bieten. Baugemeinschaften und besondere Wohnformen (Inklusion!) sollen hier ein Angebot bekommen und an der Gestaltung mitwirken können. Die Entwicklung des Stadtteils sollte sich von der IBA inspirieren lassen und beispielsweis von den Stadtplanern und -forschern der Hafen City Universität begleitet werden.

4. Die Infrastruktur muss zentral den Ansprüchen urbanen Lebens Rechnung tragen.

Die Versorgung mit Ärzten, die bereits in Neuallermöhe ein Problem darstellt, muss sichergestellt sein. Es muss von vornherein der Schulbedarf angemessen und mit den angrenzenden Gebieten mitgedacht werden. Die Ansiedlung von Restaurants, Versorgern und Plätzen für öffentliche Begegnung, ein attraktives Nahversorgungszentrum müssen großzügig geplant werden. Die Naherholung, die in Neuallermöhe mit dem Fleetsystem und den Seen geschaffen wurde, muss auch in Oberbillwerder mitgedacht werden, um die angrenzenden Naturschutzgebiete zu schonen. Den neuen BewohnerInnen sollen dabei auch Freiflächen angeboten werden; Freiräume, die sie selbst bespielen können, um so die Betätigung für den Stadtteil und die Identifikation mit ihm zu fördern. Veränderungen der Arbeitswelt im Blick behalten!

5. Ein klimafreundliches Verkehrskonzept muss entwickelt werden.

Die gute Anbindung an den ÖPNV ermöglicht die Überlegung, hier einen autofreien Stadtteil, der mit wenig PKW-freundlichen Strukturen auskommt, zu entwickeln. Wir erwarten ein fahrradfreundliches Konzept der Straßenführung. Die Taktung der S-Bahn und die Zuglänge müssen angepasst werden.

6. den angrenzenden Stadtteil Neuallermöhe bei den Planungen mitzudenken und das Gebiet gesamtheitlich zu betrachten.

Die unmittelbare Anbindung an Neuallermöhe sowie die Flüchtlingsunterkunft am Gleisdreieck bedeuten auch den Anschluss an Gebiete mit besonderen sozialen Herausforderungen. Werden einerseits Integrationskonzepte für den Mittleren Landweg diskutiert, andererseits RISE-Mittel zur Aufwertung Neuallermöhes investiert, muss der Anschluss an diese Gebiete von vornherein berücksichtigt werden.

Die Verkehrssituation für Neuallermöhe darf sich insbesondere nicht verschlechtern.

Neuallermöhe wartet seit seinem Bau auf effektiven Lärmschutz. Die Bahntrasse, die in den nächsten Jahren noch deutlich höher frequentiert wird, stellt für AnwohnerInnen eine gesundheitliche Belastung dar. Dieser durch die Gesetzeslage vorgeschriebene und selbstverständliche Lärmschutz für Oberbillwerder sollte auch eine Verbesserung des Schutzes auf der anderen Seite der Schiene (wo der Rechtsanspruch lediglich verjährt ist) bedeuten, indem beispielsweise beidseitig eine Lärmschutzwand errichtet wird.

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